Rotz und gut

“Hast lange nichts gebloggt”, sagt meine Mutter am Telefon. “Kommt da bald was?”
“Ich ziehe dein rotznasiges Enkelkind auf. Das ist ein Vollzeitjob, du erinnerst dich vielleicht.”
Sie, im heile-heile-Segen-Ton: “Ist ja gut.”

Stimmt: Es ist ja gut! Es ist alles, alles gut! Wir haben Vorfrühling vor beschneiter Bergkulisse. Der Feigenbaum knospt; auf der Wiese nebenan darf der Bulle wieder unter seinen Kühen weilen und kommt dort sehr engagiert seinen Pflichten nach. Mir gelingt inzwischen das Vollkorn-Sauerteigbrot nahezu perfekt: außen kross, innen saftig. Man kann schließlich nicht nur von Baguette leben. Also, wo ist das Problem?

Es ist der Rotz. Er begleitet uns seit fünf Wochen. Von unseren Weihnachtsgästen bekamen wir eine schöne Auswahl europäischer Erkältungsviren mitgebracht, von denen wir seither jedes einzelne  unter vollem Körpereinsatz testen. Erst Bébé, dann Monsieur und ich, dann wieder Bébé, jetzt gerade Bébé und ich gemeinsam. Ich kann vieles aushalten, aber wieder und wieder den Stecker gezogen zu bekommen wegen Rotz und wieder Rotz, das macht mich irre.

Die Kinderärztin verschrieb dafür gestern eine Lösung, wenigstens fürs Kind: mouche bébé, eine Baby-Rotzpumpe. Im Prinzip ein Schläuchlein mit zwei Enden. Das eine kommt in Babys Nasenloch, das andere nimmt Mama in den Mund und saugt (nicht Papa, siehe Packung!). Das Teil ist aus transparentem Plastik, sonst würde man einfach nicht glauben, was so alles aus einer Kindernase fließen kann.

Und selbstverständlich verläuft die Anwendung der Rotzpumpe bei uns haargenau so wie auf dem Foto der Packung gezeigt: Das Baby reckt lächelnd sein Näschen empor, bläht gar vergnügt die Nüstern und hält dabei schöööön still, damit maman in aller Ruhe zu Werke gehen kann, natürlich mit perfekt manikürten und kirschrot lackierten Nägeln…

Was lernen wie daraus?

1. Mein Leben ist (fast) ein Werbefoto.
2.  Fällt einem nichts ein, weil man zu wenig Zeit und zu viel Rotz hat, kann man immer noch über Letzteren schreiben.
3. Meine Mama hat (meistens) Recht.
4. Es ist alles gut. Wirklich.

Rotzpumpe

5 thoughts on “Rotz und gut

  1. Tja, die Worte der Mutter sind gelegentlich segensreich, eben nur gelegentlich. Sie können beruhigen, emotionale Ergüsse hervorrufen (so oder so), provozieren oder eben nichts machen. Damit muss Mutter wohl leben. Wart’s nur ab, in einigen Jahren wirst Worte für Bebe finden, die dann so oder so ankommen.
    Das mit den eingeschleppten Viren ist so eine Vermutung. Ich kann mir vorstellen.dass sogar im verarmten Frankreich reichlich muntere von eben genannten Untieren herumschwirren.
    Nichts desto trotz, die Rotznase wird über kurz oder lang trocken. Dies ist ein Versprechen.
    übrigens, die Nägel brauchst Du nicht zu lackieren; Du bist auch so die schönste Rotznasenmama der Welt.

  2. Liebe Helen,

    ein sonniger Sonntag, Ehefrau und unsere bébérine in Lissabon, Papa allein zu Haus – ein perfekter Moment für den zweiten, bisherigen Teil Deiner feinen Beobachtungen, die erste hatte ich mit viel Freude im November auf Sylt gelesen. Herrlich! Und ja: der bei uns unprosaisch (weil von Gerd so getauft) “Popelsauger” genannte Wunderapparat hat uns ebenfalls bereits den ein oder anderen nächtlichen Herzentfarkt erspart…
    Was nur zeigt, dass wir mal wieder telefonieren sollten, auch bei uns ist einiges passiert, u.a. haben wir recht spontan unseren Hausstand nach Blankenese verlegt mit allem zugehörigen Umzugs-Tamtam in eine schöne Kaffeemühle mit verwunschenem Garten – und genauso spontan werden wir wohl wieder gen Stadt ziehen… wie das kommt? Ruf’ mich an 😉

    Gros bisous auch an Monsieur und bébé, Urs

  3. Liebste Helen, das Mami-Dasein klingt ja sehr abenteuerlich. Lieber Himmel, eine Rotzansaugeapparatur. Puh. Ich hoffe, ihr seid inzwischen wieder einigermaßen rotzfrei und könnt die Apparatur verstauen bis zum nächsten Jahr. Gute Besserung und ganz viele liebe Grüße aus HH.

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