{"id":522,"date":"2014-05-24T15:28:25","date_gmt":"2014-05-24T15:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=522"},"modified":"2014-05-30T09:03:46","modified_gmt":"2014-05-30T09:03:46","slug":"tschuss-uroma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=522","title":{"rendered":"Tsch\u00fcss, Uroma!"},"content":{"rendered":"<p>Meine Uroma ist gestorben. Sie war die Mama von der Mama von Papa und sehr alt, n\u00e4mlich 91 Jahre und damit 90 Jahre \u00e4lter als ich.<\/p>\n<p>Nicht dass ihr euch wundert: Dies ist ja eigentlich Mamas Blog, aber Mama f\u00fchlt sich gerade nicht nach Schreiben, weil wir eine lange Reise hinter uns haben (wir waren zwei Tage weg und sa\u00dfen davon mehr als die H\u00e4lfte im Auto). Deshalb nehme ich die Sache in die Hand und erz\u00e4hle euch davon. Ihr ahnt, wer hier spricht: Ich bin&#8217;s &#8211; B\u00e9b\u00e9.<\/p>\n<p>Also. Meine Uroma ist in ihrer K\u00fcche hingefallen und hat sich\u00a0<span style=\"line-height: 1.5;\">einen Knochen gebrochen, der Oberschenkelhalsknochen hei\u00dft (lustig, dass auch der Oberschenkel einen Hals hat). Im Krankenhaus haben die \u00c4rzte die K\u00f6pfe gesch\u00fcttelt und gesagt, den Knochen k\u00f6nnten sie flicken, aber der Rest von Uroma sei zu zerbrechlich, um die Oberschenkelhalsknochenreparatur zu \u00fcberstehen. Dann lasst doch den Quatsch mit der\u00a0<\/span>Reparatur, habe ich gesagt, aber die Gro\u00dfen verstehen ja immer nur g<em>aga<\/em> und d<em>ada<\/em> und h\u00f6ren mir nicht richtig zu.<\/p>\n<p>Die Operation ist gelungen, weil meine Uroma ein gro\u00dfes, starkes Herz hat. Sie war schon mit einem Bein aus dem Krankenhaus raus (mit welchem Bein, ob mit dem gesunden oder dem geflickten, wei\u00df ich nicht). Letzten Samstag hat sie gro\u00df gefr\u00fchst\u00fcckt (das machen Franzosen normalerweise nicht, also war das vielleicht schon ein schlechtes Zeichen) und dann hat sie ein Schl\u00e4fchen gemacht, so gegen 11 Uhr (genau wie ich immer), und das Schl\u00e4fchen hat gedauert und gedauert und dann war sie tot. So was kann alten Leuten passieren.\u00a0<span style=\"line-height: 1.5;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Dann sind wir ewig Auto gefahren (9 Stunden, hat Mama gesagt), denn Frankreich ist gro\u00df und meine Uroma wohnte am anderen Ende, n\u00e4mlich in der Normandie. Ich habe einen neuen Autositz (cooles Teil, schon f\u00fcr gro\u00dfe Kinder), aber nach einer Weile fand ich es nicht mehr so cool, da drin zu sitzen. Mama reichte mir immer andere Spielsachen, die habe ich vor Wut durchs Auto geworfen. Kann man das Reisen nicht komfortabler gestalten?!<\/p>\n<p>Dann sind wir in dem Dorf von Uroma angekommen. Sie hat ein Haus, das selbst mir winzig vorkam. Auf den Tapeten waren Blumen, die wie echt aussahen. Das H\u00e4uschen war voller schwarz angezogener Leute, ich war der Einzige in bunt (und noch ein paar andere Kinder). Dann fuhr ein schwarzes Auto vor, hinten lag eine Holzkiste drin, und da wiederum, hat Papa mir erkl\u00e4rt, war Uroma drin (wieso liegt sie in einer Kiste? Warum lassen sie nicht wenigstens den Deckel offen, damit sie den Himmel sehen kann?)<\/p>\n<p>Wir sind hinter dem Auto her zur Kirche gelaufen und als es anfing zu regnen, habe ich verstanden, warum der Deckel von der Kiste zu ist! Klar, damit Uroma nicht nass wird. Die Kirche war ziemlich voll, weil Uroma das ganze Dorf kannte und in vielen Vereinen war, zum Beispiel im Verein f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, die aus ihren eigenen L\u00e4ndern weg mussten und in Uromas Dorf untergekommen sind. Sie selbst ist in dem Dorf geboren und nie weggegangen, sie war eine M\u00fcllerstochter (wie im M\u00e4rchen). Sp\u00e4ter hat sie einen Bauern geheiratet und ihr Leben als B\u00e4uerin war nicht mehr ganz so wie im M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>Papa und seine zwei Br\u00fcder haben die Holzkiste in die Kirche getragen.\u00a0Weil die Kiste vier Griffe hat, fasste mein gro\u00dfer Cousin Victor mit an. So sind sie\u00a0durch den Regen gelaufen und nass geworden, aber das hat sie gar nicht gest\u00f6rt. Papa sah dabei ganz traurig aus und die Tropfen in seinem Gesicht kamen bestimmt nicht nur vom Regen. In der Kirche sa\u00dfen wir in der ersten Reihe und vorn stand ein Mann im langen wei\u00dfen Kleid. Der sah so lustig aus, dass ich vor Freude geklatscht habe! Es wurde viel Musik gespielt, was ich auch super fand. Mein Onkel Greg hat Geige gespielt und ein Chor hat gesungen und dann kam aus dem CD-Player noch ein Lied, das <em>Halleluja<\/em> hei\u00dft, es ist von Leonard Cohen, gesungen von Jeff Buckley\u00a0(mein Onkel Jule ist Musiker und wei\u00df solche Sachen). Ich habe laut mitgesungen: <em>Haaa-leee-luuu-jaa!<\/em> Ein sch\u00f6nes Lied.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4re sehr gerne die Stufen zu dem Mann im wei\u00dfen Kleid herauf geklettert und h\u00e4tte im Vorbeikrabbeln ein paar Blumen f\u00fcr Uroma gepfl\u00fcckt, es standen ja genug herum, aber Mama hat mich festgehalten und als ich protestieren wollte, durfte ich mit ihrem Telefon spielen und danach mit dem Autoschl\u00fcssel. Okay, dachte ich, auch gut. (Hinterher haben alle gesagt, ich sei sehr <em>sage<\/em> gewesen, das hei\u00dft brav auf franz\u00f6sisch und in Frankreich scheint es die wichtigste Eigenschaft von Kindern zu sein, den Erwachsenen nicht auf den Wecker zu gehen. Dabei war ich gar nicht brav, sondern einfach sehr besch\u00e4ftigt).<\/p>\n<p>Am Schluss sind alle einmal um die Holzkiste herumgegangen. Vorn stand ein schwarz-wei\u00dfes Foto von Uroma (wieso schwarz-wei\u00df? Sie war doch farbig, meine Uroma, vor allem ihre Strickjacken). Ich war auf Mamas Arm und als wir an dem Foto vorbei kamen, hat sie gesagt, ich soll mal winken. <em>Au revoir<\/em>, Uroma! Hab ich gemacht und als Papa das sah, musste er schon wieder heulen.<\/p>\n<p>Dann sind wir zum Friedhof gelaufen und ich vermute, dass unter den gro\u00dfen Steinen noch andere Holzkisten mit toten Uromas und -opas und was wei\u00df ich f\u00fcr Leuten drin lagen. Unsere Kiste kam in ein Loch und da standen meine Oma und ihre Schwestern davor und haben wei\u00dfe Rosen rein geworfen. Was dann passierte, kann ich nicht sagen, denn Mama war der Meinung, das ich schlafen soll und hat die Lehne vom Buggy zur\u00fcckgeklappt. Da ich im Buggy angeschnallt bin, klappe ich automatisch mit um und kann nichts mehr sehen. Dabei wollte ich gar nicht schlafen, sondern in das Loch gucken! Ich muss dann aber doch eingeschlafen sein, denn auf einmal standen Mama und ich allein auf dem Friedhof. Sie hat gewartet, bis die anderen weg waren, weil sie ein bisschen allein sein wollte mit mir und Uroma. Ein G\u00e4rtner hat uns geholfen, die vielen Briefe einzusammeln, die an den Blumenstr\u00e4u\u00dfen hingen. Die w\u00e4ren sonst im Regen aufgeweicht (waren das Briefe an Uroma? Liest sie die nachts, wenn sie rauskommt wie die Maulw\u00fcrfe und F\u00fcchse bei uns im Garten?)<\/p>\n<p>Dann waren wir wieder im Haus von Uroma und es war so voll, dass einige Leute auf der Stra\u00dfe standen. Ich durfte Brioche essen (das darf ich sonst nicht, weil da Zucker drin ist und wenn Mama Zucker h\u00f6rt, wedelt sie aufgeregt mit den H\u00e4nden, als w\u00fcrde sie eine Wespe verscheuchen. Sie ist manchmal komisch, meine Mama). Ich habe schleunigst ein Riesenst\u00fcck in den Mund gesteckt (wer wei\u00df, wann ich je wieder Brioche kriege?) und den Rest auf den Boden gekr\u00fcmelt und die Kr\u00fcmel dann m\u00f6glichst weit verteilt, damit meine Uroma wei\u00df, dass ich da war. Da die Gro\u00dfen ja immer sofort alles auffegen m\u00fcssen, habe ich zur Sicherheit noch ein paar Kr\u00fcmel unter den Schrank geschoben. Meine Uroma wird das schon verstehen. Guck mal, die sind f\u00fcr dich, meine Liebe! Haaa-lee-luu-jaa! Tsch\u00fcss.<\/p>\n<p>Dein B\u00e9b\u00e9.<\/p>\n<p>P.S. Guckt mal, ich hab noch Fotos von mir und Uroma gefunden. Papa hat sie letztes Jahr gemacht, als ich noch voll das Baby war. Irre lange her. Aber Uromas ver\u00e4ndern sich nicht so schnell wie Babys (wei\u00df auch nicht, warum), ihr bekommt also einen Eindruck.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6746.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-546\" alt=\"FRT_6746\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6746.jpg\" width=\"1066\" height=\"1600\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6746.jpg 1066w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6746-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6746-682x1024.jpg 682w\" sizes=\"(max-width: 1066px) 100vw, 1066px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6747.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-547\" alt=\"FRT_6747\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6747.jpg\" width=\"1066\" height=\"1600\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6747.jpg 1066w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6747-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/FRT_6747-682x1024.jpg 682w\" sizes=\"(max-width: 1066px) 100vw, 1066px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Uroma ist gestorben. 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