{"id":468,"date":"2014-04-05T11:02:17","date_gmt":"2014-04-05T11:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=468"},"modified":"2014-04-12T18:56:01","modified_gmt":"2014-04-12T18:56:01","slug":"madame-burgermeister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=468","title":{"rendered":"Madame B\u00fcrgermeister"},"content":{"rendered":"<p>Schon erreichen mich Beschwerden, ich h\u00e4tte so lange nichts geschrieben. Stimmt \u2013 mir f\u00e4llt nichts ein. Denn hier passiert gerade nichts Aufregendes. Und da soll man doch lieber die Klappe halten und seine teuren Leser nicht mit Banalit\u00e4ten bel\u00e4stigen. Daf\u00fcr gibt es schlie\u00dflich Facebook.<\/p>\n<p>Gestern konnte ich aber doch eine kleine Geschichte aufsammeln. Sie lag gewissermassen auf der Stra\u00dfe, oder besser: an der Stra\u00dfe. B\u00e9b\u00e9 und ich gehen jeden Tag und bei jedem Wetter spazieren. Er f\u00e4hrt, ich schiebe. In romantischer Verkl\u00e4rung des Landlebens erwartete ich vor unserem Umzug hierher, dass ich stundenlang mit dem Kinderwagen durch Feld und Wiesen gehen w\u00fcrde und dabei andere Fu\u00dfg\u00e4nger unter der Landbev\u00f6lkerung kennenlernen w\u00fcrde. <em>Ah, non!<\/em> Diese Zeiten sind seit ungef\u00e4hr 100 Jahren vorbei. Die Landbev\u00f6lkerung f\u00e4hrt Auto (wei\u00dfer Renault Express, <em>das<\/em> Bauern-Auto), Trecker oder Moped. Zu Fu\u00df gehen nur Verwirrte, Obdachlose oder Touristen. Weshalb die Auswahl an kinderwagenbefahrbaren Wegen sehr begrenzt ist. Zur Auswahl stehen: Holperweg oder Landstra\u00dfe.\u00a0B\u00e9b\u00e9 und ich haben eine Kombination daraus erkundschaftet (etwa 80 % Holperweg, 20 % Landstra\u00dfe).<\/p>\n<p>Die \u00fcbliche Tour geht den H\u00fcgel hinunter, wo ich die ersten K\u00f6ter (es kommen noch mehr!) davon abhalte, das Baby zu fressen. Dann gucken wir H\u00fchner. Gegen\u00fcber wohnt eine freundliche Ziege, f\u00fcr die ich Bl\u00fcmchen pfl\u00fccken muss, die das Kind dann glucksend verf\u00fcttert. Dann biegen wir auf die Hauptstra\u00dfe ein und gehen am einzigen (seit Jahrzehnten geschlossenen) Caf\u00e9 des Ortes vorbei. Drinnen wohnen zwei Leutchen, die das Caf\u00e9 genauso bewohnen, wie es wohl kurz vor der Schlie\u00dfung Ende der 1960er Jahre ausgesehen hat: Tische und St\u00fchle stehen im Raum, hinter der Theke eine pr\u00e4historische Kaffeemaschine, leere Glasvitrinen f\u00fcr Croissants und Kuchen, in den Regalen verstaubte Pastis-Flaschen. Am T\u00fcrknauf h\u00e4ngt der Gehstock von Madame. Bei gutem Wetter sitzen sie und ihr p<em>atron<\/em> drau\u00dfen unter einem Orangina-Sonnenschirm und lesen das Lokalblatt. Beide gr\u00fc\u00dfen uns inzwischen (wir sind ja auch erst 7 Monate hier und haben jeden Tag <em>bonjour<\/em> in unbewegte Gesichter gesagt, bis sie dann endlich, so um Weihnachten herum, geantwortet haben).<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Feld mit den braunen K\u00fchen (danach kommen die schwarz-wei\u00dfen, die das Baby lustiger findet, weil sie neugieriger sind und direkt an den Zaun trotten, vor allem die mit der Ohrmarke Nr. 2845, aber das ist jetzt nicht so wichtig) liegt linker Hand Saint-S\u00e9bastien. Die Kirche ist immer abgeschlossen. Ist sie bauf\u00e4llig? Oder einfach so zu? Ich wu\u00dfte es nie, war aber immer neugierig. Und wie es der Zufall will, steht die T\u00fcr offen und ich sehe darin gerade noch einen fleischigen Arm mit Kehrblech in der Hand verschwinden. Festhalten, Baby! Wir k\u00f6nnen mit Kinderwagen nicht die Stufen hoch, sausen also den Umweg \u00fcber den Friedhof, Gatter auf, Slalom durch die massigen Grabm\u00e4ler. Jetzt blo\u00df keine Vasen mit Plastikblumen umwerfen! Wir parken vor dem Portal, B\u00e9b\u00e9 fliegt aus dem Gurt und mir in den Arm. Dann tappen wir durch die T\u00fcr ins Dunkle.<\/p>\n<p>Der schlichte Steinbau ist innen \u00fcberraschend barock: silberne Sterne auf dunkelblauem Himmel schimmern an der Kirchendecke und das Jesuskind \u00fcberm Altar hat rosa B\u00e4ckchen. Ihm zu F\u00fc\u00dfen feudelt eine dicke Dame. <em>Bonjour.<\/em>\u00a0Ich halte ihr das Baby als &#8220;Eisbrecher&#8221; hin und es macht, was es soll: strahlend l\u00e4cheln. Schon flie\u00dft die Unterhaltung. Saint-S\u00e9bastien sei seit Jahrzehnten geschlossen, weil es zwar eine gl\u00e4ubige Gemeinde, aber keinen Priester gebe. Priestermangel, sagt Madame bedauernd, sei in ganz Frankreich ein gro\u00dfes Problem. Sie mache hier regelm\u00e4\u00dfig sauber, damit die Kirche nicht ganz verkomme. Saubermachen sei aber nicht alles, was sie tue, sondern\u2026 Sie stockt. Ich soll nachfragen. Ich frage. Sie sagt: Ich bin die neue B\u00fcrgermeisterin, Janine. Gew\u00e4hlt mit 73,3 Prozent der 217 W\u00e4hlerstimmen.\u00a0<em>Enchant\u00e9<\/em>.<\/p>\n<p>In Frankreich waren gerade Kommunalwahlen. F\u00fcr die Leute in den kleinen Orten ist der B\u00fcrgermeister fast wichtiger als der Pr\u00e4sident. Janine bekommt f\u00fcr ihren Job kein Geld (das gibt&#8217;s erst ab 1000 Einwohnern), aber einen Haufen Arbeit, denn in Frankreich geht man mit allen nur denkbaren Anliegen, Beschwerden, Streitigkeiten und wahrscheinlich auch bei Fu\u00dfpilz zum B\u00fcrgermeister. Egal, ob jemand einen neuen Kuhstall bauen will, \u00a0eine Wasserleitung geplatzt ist oder zwei Nachbarn um die exakte Grundst\u00fccksgrenze streiten \u2013 immer muss der B\u00fcrgermeister ran.\u00a0Er ist auch Vermittler zu den h\u00f6heren Verwaltungsebenen, derer es hier SEHR viele gibt: Dorf, Kanton, Kommune, Kommunenverbund, D\u00e9partement, Region, Nation (stark vereinfachte Darstellung). Da stapeln sich gut bezahlte Beamte, mit denen Janine in den kommenden sechs Jahren langatmigen Schriftverkehr f\u00fchren wird.\u00a0Es w\u00e4re wirklich kein Wunder, wenn Frankreich bald pleite w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich bin nicht politisch, sagt Janine. Sie geh\u00f6rt keiner Partei an. Was und mit wem es ein Monsieur Hollande im fernen Paris treibt, ist ihr schnurz. Sie will neben der Versorgung ihrer 30 K\u00fche, eines Trupps H\u00fchner, ihres Enkels (dem sie jeden Tag das Mittagessen kocht) und der Reinigung von Saint-S\u00e9bastien einfach noch eine Aufgabe haben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Foto-4-e1396694483502.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-477\" alt=\"Foto 4\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Foto-4-e1396694483502.jpg\" width=\"1224\" height=\"1632\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Foto-4-e1396694483502.jpg 1224w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Foto-4-e1396694483502-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Foto-4-e1396694483502-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1224px) 100vw, 1224px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon erreichen mich Beschwerden, ich h\u00e4tte so lange nichts geschrieben. 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