{"id":445,"date":"2014-03-17T19:52:57","date_gmt":"2014-03-17T19:52:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=445"},"modified":"2014-03-24T08:44:29","modified_gmt":"2014-03-24T08:44:29","slug":"le-star-cest-moi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=445","title":{"rendered":"La star, c&#8217;est moi!"},"content":{"rendered":"<p>Monsieur ist mal wieder abwesend und ich kann B\u00e9b\u00e9 nicht jeden Tag allein durch die H\u00fcgel spazieren tragen, mich unterm Sonnenschirm rollen oder Eiskaffee trinken. Das f\u00fcllt die Tage nicht aus, ein Ausflug muss her. Und ping! Schon kommt per Email eine Einladung zu einem privaten Klavierkonzert im Schloss des Pianisten (ich erhalte solche Programmhinweise von der Familie unserer Hausbesitzer, die in der Gegend alles und jeden kennen. Alternativer Vorschlag f\u00fcr den gleichen Tag: ein Workshop zum Thema &#8220;Alte Apfelbaumsorten richtig propfen&#8221;).<\/p>\n<p>Das Schloss des Pianisten ist gro\u00dfes Theater mit Torhaus, Parkanlage, Tennisplatz und Wasserspielen. Das Konzertzimmer f\u00fcllt fast zur H\u00e4lfte ein gigantischer Fl\u00fcgel. Wir sind etwa 30 G\u00e4ste, die meisten jenseits der 60. B\u00e9b\u00e9 ist das einzige B\u00e9b\u00e9. Ich lese die Gedanken einiger grauer Eminenzen, selbst auf franz\u00f6sisch: Ob dieses egozentrische Wesen den Kunstgenuss st\u00f6ren wird? H\u00e4tte man es nicht anderweitig unterbringen k\u00f6nnen?\u00a0<span style=\"line-height: 1.5;\">Eine Dame im schwarzen Flatterkleid und mit vielen Ketten spricht mich an und schl\u00e4gt vor, ich solle den Pianisten um Erlaubnis bitten, das Kind mit in den Saal zu nehmen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Anders als in Deutschland ist man sich in Frankreich weitgehend dar\u00fcber einig, dass Kinder nicht \u00fcberall hin geh\u00f6ren. Kaum jemand k\u00e4me hier auf die Idee, seine Kleinen mit zu einer Party zu nehmen, zum abendlichen Restaurantbesuch oder zu einer Ausstellungser\u00f6ffnung. Es gibt Zeiten und Orte f\u00fcr Kinder, und welche f\u00fcr Erwachsene. Ich finde das gut. Eltern, die erwarten, dass alle Welt sich jederzeit auf ihre Zwerge einstellt, haben vergessen, was es hei\u00dft, erwachsen zu sein. In diesem Fall aber soll B\u00e9b\u00e9 mit, erstens weil meine Auswahl an Babysittern heute null betr\u00e4gt und weil ich, zweitens, ausprobieren will, wie das Kind auf Klassik reagiert.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Um das Gespr\u00e4ch mit der Flatterkleid-Frau in andere Bahnen zu lenken, frage ich sie, ob sie wom\u00f6glich auch aus Deutschland sei, ich h\u00f6rte da einen vertrauten Akzent? B\u00f6ser Fehler. Sie zieht ihre pink angemalten Lippen zu einer Schnute und entgegnet, sie sei <\/span><em style=\"line-height: 1.5;\">Autrichienne<\/em><span style=\"line-height: 1.5;\">, \u00d6sterreicherin. Ihr Mann sei Ungar. Danach hatte ich zwar nicht gefragt, bin jetzt aber im Bilde: Zwei verkniffene k.-u.-k.-Monarchisten.<\/span><\/p>\n<p>Ich gehe rein und setze mich ganz an den Rand, um im Falle kindlicher Unvernunft fl\u00fcchten zu k\u00f6nnen. Neben uns sitzt der B\u00fcrgermeister des Ortes. Der K\u00fcnstler l\u00e4sst ein bisschen auf sich warten und tritt dann durch eine Tapetent\u00fcr vors Klavier.\u00a0Er spielt erst Bach, dann Chopin. B\u00e9b\u00e9 sitzt auf meinem Scho\u00df und schaukelt rhythmisch vor und zur\u00fcck. Dann kommt eine rum\u00e4nische Polka, die wie hoppelnde Hasen klingt. Das Kind ger\u00e4t au\u00dfer sich, beklatscht das St\u00fcck mit &#8220;oh-oh&#8221;, &#8220;da-da&#8221; und &#8220;uuiii&#8221; und rei\u00dft dem B\u00fcrgermeister vor Begeisterung sein Taschentuch aus dem Jackett. Die Monarchisten werfen uns s\u00e4uerliche Blicke zu, woraufhin wir uns entfernen und vom Flur aus weiter zuh\u00f6ren. W\u00e4hrend der Pause, die in der Schlossk\u00fcche stattfindet, zwitschere ich mir einen kleinen Roten, das Kind genehmigt sich ein Viertel Pulvermilch und schlie\u00dft Freundschaft mit der versammelten Damenwelt (mit Ausnahme der Monarchistin).<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend spielt der Pianist Rachmaninov und Selbstkomponiertes. Alle Achtung, der Mann scheut keinen Vergleich! B\u00e9b\u00e9 d\u00f6st. Nach dem Konzert\u00a0schiebe ich mich durchs Gedr\u00e4nge zum K\u00fcnstler vor, bedanke mich (denn es WAR toll) und sage ihm, dass dies B\u00e9b\u00e9s erstes Konzert \u00fcberhaupt gewesen sei. Er ist nicht beeindruckt. Sondern wirkt irritiert, dass sich die Augen der um ihn gescharten \u00e4lteren Damen auf das Kind richten und sie es entz\u00fcckt anflirten: &#8220;Oh, Sch\u00e4tzchen&#8221;, &#8220;Schau mal hier, Kleiner!&#8221;, &#8220;Oh l\u00e0 l\u00e0, nimmst du mir die Brille ab, S\u00fc\u00dfer?&#8221; Der Pianist steht da wie begossen und sagt v\u00f6llig humorfrei: &#8220;Er macht mir Konkurrenz.&#8221; <em>Le star, c&#8217;est moi!<\/em><\/p>\n<p>Unterdessen donnert B\u00e9b\u00e9 seine Windel voll. Ich wickele ihn drau\u00dfen auf der Wiese und \u00fcberlege, die Stinkbombe irgendwo im Schloss zu deponieren, als Gru\u00df des kleinsten Zuschauers. Vielleicht unter dem Deckel des\u00a0Fl\u00fcgels\u2026? \u00a0Wir lassen es bleiben. Sehr schade eigentlich.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Palaminy-Programm-e1394997446985.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-446\" alt=\"Palaminy Programm\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Palaminy-Programm-e1394997446985.jpg\" width=\"480\" height=\"640\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Palaminy-Programm-e1394997446985.jpg 480w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Palaminy-Programm-e1394997446985-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monsieur ist mal wieder abwesend und ich kann B\u00e9b\u00e9 nicht jeden Tag allein durch die H\u00fcgel spazieren tragen, mich unterm Sonnenschirm rollen oder Eiskaffee trinken. 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