{"id":387,"date":"2014-02-14T19:48:53","date_gmt":"2014-02-14T19:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=387"},"modified":"2014-02-14T19:48:53","modified_gmt":"2014-02-14T19:48:53","slug":"urgeschichte-im-rohbau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=387","title":{"rendered":"Urgeschichte im Rohbau"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich den Kinderwagen tagelang allein durch den winterschlafenden Ort geschoben habe, jeden Tag mit B\u00e9b\u00e9 zwischen alten M\u00e4nnern im einzigen ge\u00f6ffneten Caf\u00e9 sa\u00df (immerhin steigere ich mich von 0 Caf\u00e9s \u2013 zuhause in den Pyren\u00e4en \u2013 auf 1 Caf\u00e9); da passiert jetzt endlich wieder was!<\/p>\n<p>Wir besuchen eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Baustelle; mein Fotograf hat den Termin angeleiert. Man sieht den monumentalen, sichelf\u00f6rmigen Rohbau schon aus gro\u00dfer Entfernung, ein Mix aus Stonehenge und Riesen-Ufo. Auf einem von dichtem Eichenwald bewachsenen Hochplateau entsteht eine exakte Kopie der <em>Grotte Chauvet<\/em>, einer H\u00f6hle ganz in der N\u00e4he. Sie birgt die \u00e4ltesten Felsmalereien der Welt. Vor 35 000 Jahren hat Homo sapiens dort zu Kohle und Ocker gegriffen und die W\u00e4nde mit L\u00f6wen, Mammuts, Wollnash\u00f6rnern und Wildpferden bemalt. Perfekt lebensecht, vom Balztanz der L\u00f6wen bis zu den Barthaaren der H\u00f6hlenb\u00e4ren. Die K\u00fcnstler (wahrscheinlich waren es mehrere, denn man erkennt verschiedene Stile) nutzten das Relief der Felsen, um die Tiere plastisch erscheinen zu lassen. Perspektive, Hintergrund, gemalte Bewegung: Es ist alles da. Die Bilder sind der Beginn aller Kunst.<\/p>\n<p>Nur eine Handvoll Wissenschaftler darf die H\u00f6hle f\u00fcr wenige Stunden pro Jahr betreten. Und deshalb wird nun ein Faksimile f\u00fcr Touristen gebaut, werden 8000 Quadratmeter Originalh\u00f6hle auf 3000 Quadratmeter verdichtet. Plus einem Museum f\u00fcr Vorgeschichte, ein Tagungszentrum, Arbeitsr\u00e4ume f\u00fcr Schulklassen, Restaurants. Der Presse-Mann f\u00fchrt uns herum. B\u00e9b\u00e9 darf nicht mit, weil sie keine Helme f\u00fcr Babys haben. Er schl\u00e4ft aber zum Gl\u00fcck vor einem Baucontainer in der glasklaren Luft, dick verpackt in seinen Skianzug. Verdreckte Arbeiter stiefeln vorbei (die meisten sind billige Kr\u00e4fte aus dem nahen Spanien) und l\u00e4cheln in den Kinderwagen.<\/p>\n<p>Wir sind beeindruckt von dem Aufwand, der hier getrieben wird: Geologen haben etwa 50 verschiedene Oberfl\u00e4chen der H\u00f6hlenw\u00e4nde identifiziert; ein Team aus Bildhauern und K\u00fcnstlern ahmt jede Rille, jede Verf\u00e4rbung originalgetreu nach. Die Malereien selber entstehen in Ateliers in Paris und Toulouse (ah, Toulouse! Nicht weit weg von zuhause. Klar, dass wir da demn\u00e4chst auch hin m\u00fcssen). Die Schauh\u00f6hle wird wie das Original 7 Grad kalt sein, dieselbe Luftfeuchtigkeit und dieselben Ger\u00fcche haben. Der Besucher wird \u00fcber schmale Stege \u00fcber den nachgebauten H\u00f6hlenboden laufen, er wird Sch\u00e4del und Knochen der H\u00f6hlenb\u00e4ren sehen, die vor Jahrtausenden im Winterschlaf verendet sind. Selbst die Rentierknochen, die die pr\u00e4historischen K\u00fcnstler w\u00e4hrend des Malens abnagten, werden rekonstruiert. Er\u00f6ffnung ist im Fr\u00fchjahr 2015.<\/p>\n<p>Den Rest des Tages k\u00f6nnen wir uns nicht wieder einkriegen dar\u00fcber, dass da jemand in verschl\u00fcsselten Bildern zu uns spricht, direkt aus der Vorzeit. Jemand wie wir, Homo sapiens, der uns genetisch, kognitiv und psychisch gleicht.<\/p>\n<p>Wir reden wir uns die K\u00f6pfe hei\u00df \u00fcber den Stand der arch\u00e4ologischen Forschung und die vielen ungekl\u00e4rten Fragen: Die Menschen malten beim Schein einer Fackel\u00a0in den tiefsten Winkeln der H\u00f6hle. Warum nicht weiter vorn im Halbdunkel? Die Malereien zeigen ausschlie\u00dflich gro\u00dfe S\u00e4ugetiere, die nicht gejagt wurden. Schamanismus oder Zufall? Warum gibt es keine Alltagsszenen, keine Darstellung von Jagdtieren, die doch lebenswichtig waren? Ist die Hand, deren Abdruck an der Wand erhalten ist und die einem mindestens 1,85 Meter gro\u00dfen Menschen geh\u00f6rte, ist das die Hand, die die Wunderwerke schuf? Ansonsten ist nur ein einziges menschliches Abbild in der <em>Grotte Chauvet <\/em>erhalten: ein weiblicher Unterleib, in den ein massiges Bison eindringen will. Das ewige Thema also. Und die gr\u00f6\u00dfte aller Fragen: Warum haben die Menschen gemalt? Was bedeutete es damals, und was bedeutet es f\u00fcr uns heute?<\/p>\n<p>Da die Sonne knallt und wir gerade so sch\u00f6n in Fahrt sind, beschlie\u00dfen wir, den Eingang der Original-H\u00f6hle zu suchen. Der Ort ist nicht ausgeschildert und steht in keiner Karte, aber der Weg dorthin ist auch kein Geheimnis. Eine Geo-Chemikerin des zuk\u00fcnftigen Museums, die ich in einer Ausstellung \u00fcber Chauvet kennengelernt habe, erkl\u00e4rt ihn uns.<\/p>\n<p>An einer trockengefallenen Flussschleife der Ard\u00e8che, nah an der Felsbr\u00fccke <em>Pont d&#8217;Arc<\/em>, gehen wir an Weinst\u00f6cken entlang den Hang hinauf. Das Baby sitzt in seiner geliebten Kiepe und grabscht nach tiefh\u00e4ngenden Zweigen, die \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg streichen. Es geht steil bergan und ein bisschen durch die Irre, aber dann queren wir eine nat\u00fcrliche Galerie im Fels, die auch die Fr\u00fchmenschen benutzt haben. Schon sieht man armdicke Stromkabel in den B\u00e4umen h\u00e4ngen, die zu den \u00dcberwachungskameras und der per Zahlencode gesicherten Panzert\u00fcr am Eingang f\u00fchren. Der Bereich wirkt in der wilden Landschaft seltsam fremd: So stelle ich mir den Zugang zu einem Gold-Depot in den Schweizer Alpen vor, oder zur Cheops-Pyramide. Wir\u00a0\u00fcberlegen, ob wir auf gut Gl\u00fcck ein paar Codes eintippen sollen, das Datum der Entdeckung der H\u00f6hle (18.12.1994) oder vielleicht unseren Hochzeitstag (04.08.2012)\u2026?<\/p>\n<p>Wir lassen es bleiben. F\u00fchlen uns aber trotzdem so aufgeregt und inspiriert, als h\u00e4tten wir die T\u00fcr zu etwas Unglaublichem aufgesto\u00dfen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chauvet-Baustelle.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-388\" alt=\"Chauvet Baustelle\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chauvet-Baustelle.jpg\" width=\"900\" height=\"601\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chauvet-Baustelle.jpg 900w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chauvet-Baustelle-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Pont-dArc.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-389\" alt=\"Pont d'Arc\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Pont-dArc.jpg\" width=\"900\" height=\"601\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Pont-dArc.jpg 900w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Pont-dArc-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chavet-Eingang.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-390\" alt=\"Chavet Eingang\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chavet-Eingang.jpg\" width=\"900\" height=\"601\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chavet-Eingang.jpg 900w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Chavet-Eingang-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>* Damien legt bei diesen Bildern besonderen Wert auf sein Copyright, weil er sie verkaufen will, und hat deshalb ein Wasserzeichen eingef\u00fcgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich den Kinderwagen tagelang allein durch den winterschlafenden Ort geschoben habe, jeden Tag mit B\u00e9b\u00e9 zwischen alten M\u00e4nnern im einzigen ge\u00f6ffneten Caf\u00e9 sa\u00df (immerhin steigere ich mich von 0 Caf\u00e9s \u2013 zuhause in den Pyren\u00e4en \u2013 auf 1 Caf\u00e9); da passiert jetzt endlich wieder was! 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