{"id":341,"date":"2014-01-20T21:17:30","date_gmt":"2014-01-20T21:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=341"},"modified":"2014-01-20T21:17:30","modified_gmt":"2014-01-20T21:17:30","slug":"hollande-und-hohlenbaren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/?p=341","title":{"rendered":"Hollande und H\u00f6hlenb\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p>Da passiert auf unserem H\u00fcgel wochenlang nichts Aufregendes \u2013 und dann, vergangenen Samstag, muss ich mich zwischen zwei Highlights entscheiden. Das kam so:<\/p>\n<p>In diesem Jahr fand das Jahrestreffen des \u00f6rtlichen Speleologen-Vereins in unserer K\u00fcche statt. Speleo was? H\u00f6hlenforschung. (<i>Spelunke<\/i>, schummrige Kellerkneipe, ist mit dem Begriff verwandt). Speleologie ist in Frankreich ein verbreiteter Abenteuer-Sport und sogar ein Beruf f\u00fcr Hartgesottene, die davon leben, hunderte von Metern in kalte, nasse G\u00e4nge zu kriechen, Karten zu erstellen, Gesteinsproben zu sammeln oder Touristen die Freuden der Unterwelt nahe zu bringen. Die Pyren\u00e4en sind durchl\u00f6chert wie der Br\u00e9bis-Schafsk\u00e4se, der hier gemacht wird, und damit ein einziger gro\u00dfer Speleo-Spielplatz.<\/p>\n<p>Monsieur ist gleich nach unserer Ankunft Mitglied des Vereins geworden, um sich sonntags dem gr\u00f6\u00dften Vergn\u00fcgen hinzugeben, das es f\u00fcr ihn auf Erden gibt: im rei\u00dffesten Overall, mit Helm und Stirnlampe irgendwelchen unterirdischen Fl\u00fcssen zu folgen. Er kommt von solchen Expeditionen gl\u00fccklich und unfassbar verdreckt zur\u00fcck. Nun also wollten etwa 20 seiner Kollegen bei uns tagen, ihren vorsitzenden H\u00f6hlenb\u00e4ren, dessen Stellvertreter und den Schatzmeister in ihren \u00c4mtern best\u00e4tigen. Monsieur und eine H\u00f6hlenb\u00e4rin (ja, die gibt&#8217;s auch!) kochten zu diesem Anlass ein halbes Schwein auf Reis.<\/p>\n<p>Ich wollte dabei sein, um Leute kennen zu lernen, ein bisschen franz\u00f6sisch zu sprechen und dem Speleologen-Garn zu lauschen, das zu fortgeschrittener Stunde sicher reichlich gesponnen wurde: &#8220;Wei\u00dft du noch, damals, als wir 800 Meter tief im Berg fest sa\u00dfen und das Wasser immer h\u00f6her stieg&#8230;&#8221; (Monsieur hat so etwas tats\u00e4chlich schon erlebt. Ein Alptraum, jedenfalls f\u00fcr mich, die ich in Hamburg wartete und fast schon ein schwarzes Trauerkleid in den Koffer gepackt h\u00e4tte. Aber das ist eine andere Geschichte).<\/p>\n<p>Doch dann rief ein gewisses Nachrichtenmagazin aus Hamburg an, f\u00fcr das ich arbeite, wenn gerade kein Baby an meinem Busen h\u00e4ngt. Der Kollege \u00a0vom Auslandsressort entschuldigte sich 37 Mal f\u00fcr den Anruf (sonst sind die nie so zimperlich) und fragte, ob ich zu einem Artikel \u00fcber Fran\u00e7ois Hollande beitragen k\u00f6nne. Die Boulevard-Presse hat ja gerade einen gnadenlosen Scheinwerfer in die total unaufger\u00e4umten Beziehungskisten des Pr\u00e4sidenten gehalten, und auch beruflich k\u00f6nnte es besser f\u00fcr ihn laufen. Ist also Stoff f\u00fcr den stern.<\/p>\n<p>Am Samstag wurde Hollande in Tulle erwartet, etwa 350 Kilometer von hier. Dort begann seine politische Karriere einst als B\u00fcrgermeister. Hollande wollte da rund 1400 handverlesenen B\u00fcrgern pers\u00f6nlich ein sch\u00f6nes, neues Jahr w\u00fcnschen (Diese <i>voeux<\/i>, die pr\u00e4sidialen Neujahrw\u00fcnsche, haben Tradition in Frankreich). Ich fuhr also nach Tulle, ein h\u00fcbsch langweiliges St\u00e4dtchen, und trieb ich mich auf dem Markt und in den Caf\u00e9s herum, um die Leute nach ihrem ber\u00fchmtesten Mitb\u00fcrger auszufragen (&#8220;Ah oui, der Fran\u00e7ois ist ein guter Typ, so warmherzig! Seine Frauen? Naja, f\u00fcr Gef\u00fchle kann man ja nichts.&#8221;)\u00a0Hollande ist beliebt in Tulle, was auch daran liegen mag, dass sich die Zusch\u00fcsse aus Paris f\u00fcr das D\u00e9partment um ein Hundertfaches erh\u00f6ht haben, seit er Pr\u00e4sident ist.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kam er dann in eine Mehrzweckhalle am Ortseingang und spulte 40 Minuten lang Phrasen ab. Es lebe die Republik! Es lebe Frankreich! T\u00e4t\u00e4\u00e4, dann spielten sie die Marseillaise vom Band. Die internationale Journaille von BBC bis New York Times wartete vergebens auf ein W\u00f6rtchen zu der Frage &#8220;Val\u00e9rie oder Julie?&#8221;. Hollande wirkte m\u00fcde, verschlossen und so glatt wie seine an den Kopf geklebten Haare.<\/p>\n<p>Ich fuhr etwas ratlos wieder nachhause. Bei der Lokalzeitung im M\u00fcnsterland, wo ich ganz fr\u00fcher mal gearbeitet habe, h\u00e4tten wir zu so einem Termin gesagt: Nullnummer, gab nix her. Wir drucken stattdessen den Text \u00fcber das Ostereiermalen im Altenheim. Aber das kann ich beim stern nicht bringen, also ging&#8217;s nachhause und noch in der Nacht an den Schreibtisch, um \u00a0einige halbwegs sinnvolle Zeilen zu dichten (wovon die Redaktion am Ende wahrscheinlich 3,5 abdruckt). Egal \u2013 es hat trotzdem Spa\u00df gemacht. Die Wachtelei-H\u00e4ppchen, die nach Hollandes Rede herumgereicht wurden, waren k\u00f6stlich. Aber beim n\u00e4chsten Mal, Monsieur le Pr\u00e9sident, entscheide ich mich f\u00fcr die H\u00f6hlenb\u00e4ren!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Pressepass_Tulle2.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-348\" alt=\"Pressepass_Tulle2\" src=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Pressepass_Tulle2.jpg\" width=\"1200\" height=\"1600\" srcset=\"http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Pressepass_Tulle2.jpg 1200w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Pressepass_Tulle2-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.helenboemelburg.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Pressepass_Tulle2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da passiert auf unserem H\u00fcgel wochenlang nichts Aufregendes \u2013 und dann, vergangenen Samstag, muss ich mich zwischen zwei Highlights entscheiden. 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